Qualität kommt von Qual? Über das Schreibtempo und gute Bücher

Schon länger dachte ich darüber nach, einen Beitrag über dieses Thema zu schreiben. Gestern mahnte eine liebe Leserin mich, nicht so schnell zu schreiben, damit die Qualität nicht leide. Weniger freundliche Zeitgenossen unterstellen Autoren, ein Buch sei zu schnell geschrieben worden und deshalb schlecht.

Aber stimmt das?

Die Antwort lautet Jain

Um euch das zu verdeutlichen, nehme ich euch mit an meinen Schreibtisch. Zunächst die technische Seite. Ich kann etwa 1000 Wörter in der Stunde tippen, wenn ich genau weiß, worüber ich schreiben will. Damit wäre ein Manuskript von 80.000 Wörtern (ungefähr 370 Seiten) nach etwa 80 Arbeitsstunden, also zwei Wochen Vollzeit, geschrieben.

Zeitfresser

Aber ihr könnt euch denken, dass es damit nicht getan ist. Ich muss die Geschichte kennen, die Charaktere, ihr Aussehen, die Umgebung. Die Regeln der Magie oder der empathischen Fähigkeit, um die es geht. Ich muss mir überlegen, wann genau ich in die Geschichte einsteige.

Dann gibt es eine Grundstruktur, die man berücksichtigen muss. Wo sind die Höhepunkte? Wie komme ich durch den Mittelteil, ohne dass ihr das Buch vor Langeweile gähnend weglegt?

All diese Dinge kosten Zeit. Zeit, in der ich bunte Kärtchen bemale, Ideen in Scrivener aufschreibe, mir vorstelle, mit der Protagonistin Kaffee zu trinken. Ich erstelle Listen, wer wie aussieht, wer welche Ziele verfolgt, all die Kleinigkeiten müssen früher oder später berücksichtigt werden. Ich recherchiere im Netz oder frage Personen, die sich damit auskennen.

Und das Wichtigste: Worum geht es in dem Buch? Bei „Als die Zeit vom Himmel fiel“ geht es darum, niemals aufzugeben und um die Konsequenzen unserer Entscheidungen. Die Mondreihe beschäftigt sich mit Gefühlen und Zwischenmenschlichem, aber auch mit Hochsensibilität und Empfindsamkeit.

Mella schreibt

Sobald ich ankündige, jetzt ein Buch zu schreiben, ist ein Teil dieser Arbeit bereits erledigt. Bei meiner aktuellen Geschichte „Isle of Seven“ existierte sogar schon eine vollständige Rohversion, die ich jedoch umgeschrieben habe. Das Buch hat mich zwei Jahre lang beschäftigt und ich kenne die Charaktere und weiß, was ich will.

Und genau deshalb geht es gerade schnell voran. Nicht, weil das Manuskript scheiße ist, sondern weil ich viele Vorarbeiten bereits erledigt habe.

Mella überarbeitet

Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo Zeit wichtig wird. Wenn ich hier durch husche, halbgare Formulierungen ignoriere, Logikfehler aus Zeitmangel nicht finde, dann wird es ein schlechtes Buch. Und genau deshalb gibt es bei mir keine Veröffentlichungstermine. Wenn ich muss, dann kann ich das Manuskript auf den Tag fertig haben. Aber ihr werdet Mist drin finden, wenn ihr genau mitdenkt.

Auf die letzte Woche kommt es an

Für die Qualität sind die letzten Tage entscheidend. Wenn das Buch schon fertig ist, wenn die Leser zappeln, dann muss ich mich zügeln und in Ruhe noch mal alles ansehen. Und egal, wie fleißig ich war, wie viel von Testlesern und Lektoren schon angemerkt wurde, es gibt noch viel zu verbessern. Immer. Weil sich auf 370 Seiten allerhand Mist verstecken kann. Und der wird sorgfältig rausgepflückt.

Das Jain

  • Schnell schreiben bedeutet, dass ich in der Geschichte drin bin und weiß, was ich tue. Es ist ein Kriterium für Qualität.
  • Schnell überarbeiten macht das Buch kaputt.

Zusammengefasst

Ein Buch kann insgesamt schnell entstehen, weil ich beim Schreiben durch gründliche Vorbereitung und Inspiration Zeit raushole. Das ist sogar von Vorteil, weil man noch alle Details vom Anfang der Geschichte in Erinnerung hat. Aber am Schluss muss ich einen Gang rausnehmen und sorgfältig arbeiten, um dem Ganzen den letzten Schliff zu geben. Ich muss mir die Freiheit lassen, auch größere Abschnitte neu zu schreiben, wenn Testleser unzufrieden waren. Und genau hier entsteht Qualität.

Disclaimer

Jeder Autor arbeitet anders. Und deshalb sind unterschiedliche Meinungen erlaubt. 😉

2017-06-07T06:32:41+00:00 Tags: , |

2 Kommentare

  1. Anna 9. Juni 2017 um 9:24 Uhr- Antworten

    Ich finde den Beitrag sehr gut, liebe Mella! Flott zu sein heißt auch, dass man es drauf hat, aber man darf nicht schludrig werden. Das ist bei mir mit dem Lesen so. Ich lese sehr schnell. Aber oft sind Passagen im Buch sehr komplex oder sehr emotional, da nehme ich bewusst das Lesetempo raus um den Moment zu spüren, es zu verstehen und mit der Story zu verschmelzen. Dann war es auch für mich ein gutes Buch, wenn es mich auf verschiedenen Ebenen berührt hat und ich in der Lage war, diese Schätze zu heben.

    • Mella 9. Juni 2017 um 9:35 Uhr- Antworten

      Lieben Dank, Anna!
      Es ist immer eine Balance. Ich habe auch schon schnell geschrieben und war am Ende unzufrieden. Isle of Seven ist ein gutes Beispiel, denn die Rohversion lag über zwei Jahre lang in meiner Schublade. Doch da ich die Grundidee sehr mochte, habe ich mir jetzt die Zeit genommen, noch mal von vorne ran zu gehen. Und es ist auch eine Frage der Erfahrung. Je mehr Bücher ich geschrieben habe, desto besser achte ich darauf, Grundsätzliches gleich im ersten Anlauf richtig zu machen.

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